Jetzt wird die 70-Prozent-Wachstumsstory zum Belastungstest
Morgen früh um 8:50 Uhr Pazifikzeit steht Nvidia-Chef Jensen Huang bei der Goldman-Sachs-Konferenz „Communacopia + Technology“ auf der Bühne. Ein Auftritt auf einer Investorenkonferenz ist für sich genommen kaum außergewöhnlich. Bei Nvidia haben öffentliche Aussagen des CEO inzwischen jedoch besonderes Gewicht, weil sie Hinweise darauf liefern können, wie der Konzern seine nächste Wachstumsphase einordnet.
Dabei ist die Ausgangslage bereits außergewöhnlich. Vor gut zwei Wochen präsentierte Nvidia Zahlen, die selbst gemessen an den hohen Erwartungen an den KI-Konzern herausstachen. Im zweiten Fiskalquartal erreichte der Umsatz 96,2 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entsprach das einem Plus von 106 Prozent. Noch dynamischer entwickelte sich das Rechenzentrumsgeschäft: Der Umsatz dieses Bereichs legte um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar zu.
Besondere Aufmerksamkeit dürfte nun erneut Huangs erstmals genannter Ausblick für das Fiskaljahr 2028 erhalten. Nvidia stellt für diesen Zeitraum ein Umsatzwachstum von 70 Prozent in Aussicht. Auf der Goldman-Sachs-Konferenz könnte es deshalb vor allem darum gehen, wie der CEO den Hochlauf der Vera-Rubin-Plattform, den Einstieg in das CPU-Geschäft und die längerfristige Wachstumsperspektive miteinander verknüpft.
Nvidia wächst längst über das klassische Chipgeschäft hinaus
Die Nvidia-Aktie notiert derzeit bei 192,98 Euro und damit 0,5 Prozent unter dem Niveau des Vortages. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 20 Prozent zu Buche, über zwölf Monate beträgt der Zuwachs 32 Prozent.
Diese Entwicklung zeigt, wie stark die bisherigen Wachstumserwartungen bereits in der Wahrnehmung des Unternehmens verankert sind. Entscheidend ist deshalb weniger, ob Nvidia erneut hohe Wachstumsraten präsentiert, sondern welche zusätzlichen Impulse das Management für die kommenden Jahre sichtbar machen kann.

Denn Nvidia positioniert sich zunehmend breiter als ein klassischer Anbieter von Grafikprozessoren. Mit der für 12,93 Milliarden Dollar besiegelten Übernahme von Hugging Face erweitert der Konzern seine Präsenz entlang der KI-Wertschöpfungskette. Die Strategie reicht damit von der Hardware über Software und Infrastruktur bis hin zur Verteilung offener KI-Modelle.
Dieser Schritt verändert die Rolle des Unternehmens innerhalb des KI-Marktes. Nvidia liefert nicht mehr nur die Rechenleistung, auf der KI-Anwendungen betrieben werden, sondern baut seine Stellung auch in angrenzenden Bereichen aus. Damit wächst zugleich die Bedeutung der Frage, wie erfolgreich sich diese vertikale Integration langfristig skalieren lässt.
108 Milliarden Dollar Umsatz - und China ist noch nicht eingerechnet
Für das dritte Fiskalquartal erwartet Nvidia einen Umsatz von 108 Milliarden Dollar, wobei eine Abweichung von plus oder minus zwei Prozent einkalkuliert ist. Die Bruttomarge soll bei 74 Prozent liegen.
Ein wesentliches Detail dieser Prognose betrifft China. In der aktuellen Umsatzplanung ist kein Rechenzentrums-Umsatz aus dem chinesischen Markt berücksichtigt. Damit hängt ein Teil des zusätzlichen Potenzials von geopolitischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ab, die Nvidia derzeit offenbar nicht zuverlässig kalkulieren kann.
Gleichzeitig reduziert diese Vorgehensweise die Abhängigkeit der offiziellen Prognose von einem Markt, dessen kurzfristige Entwicklung schwer vorhersehbar ist. Sollte sich die Lage verändern, könnte China wieder stärker in den Mittelpunkt der Wachstumsplanung rücken. Bis dahin basiert der Ausblick jedoch auf Geschäften außerhalb dieses Bereichs.
Parallel erweitert Nvidia sein Netzwerk an Partnerschaften. Dazu gehört eine Zusammenarbeit mit AWS, die zwei Millionen zusätzliche GPUs umfasst. Hinzu kommt eine Kooperation mit Dell rund um agentenbasierte KI und Robotik. Auch die Zusammenarbeit mit MediaTek im Bereich Edge-Computing wird vertieft.
Die Vielzahl dieser Projekte macht deutlich, wie breit Nvidia seine Infrastrukturstrategie inzwischen aufstellt. Rechenzentren bleiben zwar der mit Abstand wichtigste Wachstumstreiber, doch das Unternehmen versucht gleichzeitig, neue Anwendungsfelder und Plattformen zu erschließen.
70 Prozent Wachstum verändern die Erwartungshaltung
Der entscheidende Punkt des bevorstehenden Huang-Auftritts dürfte deshalb nicht darin liegen, ob Nvidia weiteres Wachstum erwartet. Die vorgelegten Zahlen und Prognosen zeigen bereits, dass das Management mit einer anhaltend hohen Nachfrage rechnet.
Spannender ist die Frage, wie Nvidia ein Umsatzwachstum von 70 Prozent im Fiskaljahr 2028 operativ untermauern will und welche Rolle Vera Rubin, CPUs, neue Partnerschaften und die stärkere vertikale Integration dabei spielen sollen.
Mit dem bisherigen Wachstum hat Nvidia zugleich die Vergleichsbasis für künftige Quartale erheblich angehoben. Wachstumsraten, die vor wenigen Jahren für einen Konzern dieser Größenordnung außergewöhnlich erschienen wären, werden inzwischen zum festen Bestandteil der Erwartungen rund um das Unternehmen.
Genau darin liegt die besondere Ausgangslage vor Huangs Auftritt bei Goldman Sachs. Nvidia muss nicht nur weiteres Wachstum erklären, sondern zunehmend auch zeigen, wie sich ein bereits enorm großes KI-Geschäft in dieser Geschwindigkeit weiterentwickeln lässt. Je höher die eigenen Prognosen ausfallen, desto stärker rückt dabei die Umsetzung dieser Erwartungen in den Mittelpunkt.