Wie viel Wachstum steckt noch in der Aktie?
Siemens hat mit den jüngsten Quartalszahlen die Erwartungen deutlich übertroffen und zugleich die Prognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben. Der Auftragseingang legte auf vergleichbarer Basis um 14 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro zu, während der Umsatz um 7 Prozent auf 20,8 Milliarden Euro stieg. Besonders kräftig entwickelte sich das Industriegeschäft: Der Gewinn erhöhte sich dort um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, die Marge erreichte 17,3 Prozent.
Auf Basis dieser Entwicklung hob der Konzern seine Gewinnprognose an. Das Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation soll nun zwischen 11,20 und 11,50 Euro liegen. Zuvor hatte Siemens mit 10,70 bis 11,10 Euro gerechnet. Auch Smart Infrastructure zeigt sich zuversichtlicher und erhöhte die eigenen Erwartungen sowohl für das Wachstum als auch für die Marge.
An der Börse sind die starken Zahlen allerdings nicht unbemerkt geblieben. Seit Jahresbeginn hat die Siemens-Aktie bereits rund 18 Prozent zugelegt. Am Mittwoch lag der Kurs bei 281,60 Euro und damit lediglich 3,3 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Damit rückt zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie nachhaltig die operative Dynamik ausfällt.
Rechenzentren werden zum Wachstumsmotor
Besonders stark entwickelt sich das Geschäft mit Infrastruktur für Rechenzentren. Smart Infrastructure steigerte den Umsatz in diesem Bereich im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres um mehr als 45 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. Allein im zweiten Quartal erreichte der Auftragseingang mit 1,9 Milliarden Euro einen Rekordwert.
Siemens reagiert auf die hohe Nachfrage mit zusätzlichen Kapazitäten. Das bestehende Werk in Frankfurt wird erweitert, während in Offenbach ein neues Zulieferwerk für Schaltanlagen entsteht. Die Produktion dort soll im Frühjahr 2027 beginnen. Bis 2030 plant Siemens an beiden Standorten insgesamt 700 neue Arbeitsplätze.
Damit gewinnt die weitere Entwicklung der Rechenzentren-Nachfrage erheblich an Bedeutung. Entscheidend wird sein, ob die Investitionen großer Kunden langfristig auf hohem Niveau bleiben oder sich der aktuelle Auftragsschub als außergewöhnlich starke Phase innerhalb eines zyklischen Marktes herausstellt.
Hoher Auftragsbestand sorgt für operative Sichtbarkeit
Die positive Entwicklung beschränkt sich nicht auf Smart Infrastructure. Auch Digital Industries und Mobility haben ihre bisherigen Prognosen bestätigt. Gleichzeitig liegt das Book-to-Bill-Verhältnis bei 1,34. Damit übersteigt der Auftragseingang den im gleichen Zeitraum verbuchten Umsatz deutlich und schafft eine solide Grundlage für die kommenden Quartale.
Hinzu kommt ein freier Cashflow von 4,1 Milliarden Euro im Quartal. Damit zeigt Siemens, dass sich das operative Wachstum auch in einer hohen Mittelzufuhr niederschlägt.

Auch im Bahngeschäft kommen neue Projekte hinzu. Das italienische Zugunternehmen Italo hat einen Vertrag über Schnellzüge unterzeichnet, mit denen ab 2028 Fernverkehrsverbindungen in Deutschland aufgebaut werden sollen.
Die Deutsche Bank reagierte Anfang August ebenfalls auf die Entwicklung und erhöhte ihr Kursziel für Siemens erneut. Die Einstufung blieb allerdings bei "Hold". Damit spiegelt sich auch auf Analystenseite wider, dass die gestiegenen operativen Erwartungen einer inzwischen höheren Börsenbewertung gegenüberstehen.
Healthineers bleibt der große Unsicherheitsfaktor
Während das industrielle Kerngeschäft starke Zahlen liefert, bleibt Siemens Healthineers ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor. Das Unternehmen senkte seine Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr auf 3,5 bis 4 Prozent. Belastend wirkt insbesondere das Diagnostikgeschäft in China. Healthineers sprach dort von einem "perfekten Sturm". Der Umsatz in China sank um 6,5 Prozent auf 985 Millionen Euro. Berichten zufolge wird intern zudem über eine mögliche Abspaltung der Diagnostik-Sparte nachgedacht. Eine Entscheidung ist bislang jedoch nicht gefallen.
Parallel dazu steht ohnehin eine deutlich größere strukturelle Veränderung im Raum. Für die Siemens-Hauptversammlung im Februar 2027 ist eine Abstimmung über die direkte Abspaltung der Healthineers-Anteile vorgesehen. Damit könnte sich die Konzernstruktur von Siemens künftig spürbar verändern.
Neben Healthineers bleibt die Entwicklung im Rechenzentren-Geschäft besonders relevant. Sollte die Investitionsdynamik großer Hyperscaler nachlassen, könnte sich das Wachstum von Smart Infrastructure abschwächen. Gleichzeitig ist ein erheblicher Teil der derzeit positiven Erwartungen bereits in der gestiegenen Börsenbewertung enthalten.
Für die kommenden Quartale dürften deshalb vor allem der Auftragseingang im Infrastruktur- und Digitalisierungsgeschäft sowie die Entwicklung der neuen Kapazitäten in Frankfurt und Offenbach im Mittelpunkt stehen. Bleibt die Nachfrage hoch, erhält die angehobene Gewinnprognose zusätzliche Unterstützung. Gleichzeitig rückt mit der für Februar 2027 geplanten Hauptversammlung die künftige Rolle von Siemens Healthineers immer stärker in den Fokus.