Rekordhype trifft auf Milliardenverlust an der Börse
Kaum ein Unternehmen zeigt derzeit so deutlich, wie weit Verbraucherbegeisterung und Börsenentwicklung auseinanderliegen können wie Take-Two Interactive. Während Grand Theft Auto VI schon Monate vor dem Verkaufsstart einen regelrechten Nachfrageboom auslöst, steht die Aktie des Rockstar-Mutterkonzerns deutlich unter ihrem bisherigen Jahreshoch. Genau diese Diskrepanz macht den Titel derzeit besonders auffällig.
Der Ende August veröffentlichte Netflix-Trailer zu GTA VI hat offenbar eine außergewöhnlich starke Kaufwelle ausgelöst. In Großbritannien stiegen die Verkäufe der PlayStation 5 um 33 Prozent, während die Xbox Series X/S ein Plus von 34 Prozent verzeichnete. Selbst die Nintendo Switch 2 profitierte mit einem ähnlich starken Zuwachs.
Auch bei Netflix selbst waren deutliche Effekte zu sehen. Die App kam in den USA an einem einzigen Tag auf 24 Prozent mehr Downloads. Unter iOS lag der Anstieg sogar bei 54 Prozent.
Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei den Vorbestellungen für GTA VI aus. Nach Angaben von Sensor Tower erhöhten sie sich innerhalb von nur zwei Tagen um 572 Prozent. Auf der PlayStation-Plattform betrug das Plus sogar 606 Prozent. Der 27 Minuten lange Deep-Dive-Trailer erreichte Berichten zufolge weltweit 31 Millionen Aufrufe und wurde damit zum meistgesehenen Video dieses Formats.
GTA-VI-Hype greift auf Konsolen und Zubehör über
Sony und Rockstar versuchen inzwischen, die enorme Aufmerksamkeit zusätzlich zu monetarisieren. Geplant sind limitierte GTA-VI-DualSense-Controller im Vice-City-Design mit Farbverläufen in Pink, Lila und Blau sowie Palmenmustern. Die Controller sollen ab dem 10. September vorbestellbar sein und 84,99 Dollar kosten. Eine schwarze Edition wird exklusiv über PlayStation Direct angeboten.
Damit entwickelt sich rund um GTA VI bereits Monate vor dem eigentlichen Verkaufsstart ein eigenes Merchandising-Ökosystem. Der entscheidende Termin bleibt der 19. November, an dem das Spiel erscheinen soll.
Der wirtschaftliche Stellenwert des Titels für Take-Two ist entsprechend hoch. Das zeigt auch die Historie der Marke: Seit 1997 wurden Spiele der GTA-Franchise insgesamt rund 470 Millionen Mal verkauft. GTA VI gehört damit zu den bedeutendsten Produkteinführungen in der Geschichte des Videospielmarktes.
1,39 Milliarden Dollar Net Bookings - doch der Gewinn bleibt unter Druck
Abseits des GTA-Hypes lohnt sich der Blick auf die aktuellen Geschäftszahlen. Take-Two veröffentlichte in der vergangenen Woche die Ergebnisse für das erste Fiskalquartal 2027. Die Net Bookings beliefen sich auf 1,39 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist dabei insbesondere der hohe Anteil wiederkehrender Konsumausgaben, der 84 Prozent ausmachte.

Unter dem Strich meldete das Unternehmen nach GAAP allerdings einen Nettoverlust von 34,1 Millionen Dollar. Belastet wurde das Ergebnis unter anderem durch eine Wertminderung in Höhe von 43,4 Millionen Dollar.
Für das Gesamtjahr zeigt sich das Management weiterhin ambitioniert. Take-Two erwartet Net Bookings zwischen 8,0 und 8,2 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn soll zwischen 104 und 143 Millionen Dollar liegen.
Damit hängt ein erheblicher Teil der Erwartungen an das laufende Geschäftsjahr direkt am erfolgreichen Start von GTA VI. Der 19. November ist deshalb nicht nur für Fans, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung des Konzerns von zentraler Bedeutung.
An der Börse wurde diese Erwartung zuletzt jedoch nicht uneingeschränkt honoriert. Nachdem im Vorfeld Leaks zum Spiel kursierten, verlor Take-Two rund 2,83 Milliarden Dollar an Marktwert. Die Aktie notiert aktuell bei 185,00 Euro und damit rund 20 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 231,40 Euro, das noch im Juli erreicht worden war.
Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 15 Prozent zu Buche. In den vergangenen 30 Tagen verlor das Papier mehr als 9 Prozent.
Hohe Bewertung trifft auf einen der größten Spiele-Launches der Branche
Die Bewertung von Take-Two bleibt ebenfalls ein wichtiger Faktor. Analysten von Simply Wall St kommen auf Basis ihres Discounted-Cashflow-Modells auf einen fairen Wert von etwa 217 Dollar je Aktie. Dieser Wert liegt nur moderat über dem aktuellen Kursniveau.
Beim Kurs-Umsatz-Verhältnis zeigt sich dagegen ein deutlich ambitionierteres Bild. Take-Two wird derzeit mit einem Multiple von 6,0 bewertet. Der Branchendurchschnitt liegt laut dieser Einschätzung bei lediglich 1,3, vergleichbare Wettbewerber kommen auf etwa 2,2. Simply Wall St sieht ein faires Kurs-Umsatz-Verhältnis eher bei 3,6.
Damit steht Take-Two vor einer ungewöhnlichen Konstellation: Auf der einen Seite entsteht rund um GTA VI schon vor dem Verkaufsstart eine Nachfrage, die sich in Konsolenverkäufen, App-Downloads, Vorbestellungen und Zubehör widerspiegelt. Auf der anderen Seite enthält die aktuelle Unternehmensbewertung bereits hohe Erwartungen an die künftige Umsatz- und Gewinnentwicklung.
Hinzu kommen praktische Herausforderungen rund um den Launch. Die anhaltende Halbleiterknappheit treibt die Preise vieler Konsolen nach oben, während Installationsgrößen von bis zu 250 Gigabyte zeigen, wie technisch aufwendig GTA VI werden dürfte. Für Take-Two wird deshalb entscheidend sein, wie sich der außergewöhnliche Vorab-Hype nach dem 19. November tatsächlich in Verkäufe, wiederkehrende Umsätze und Ergebnisbeiträge übersetzt.