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Billionen-Börsengang

Anthropic öffnet die Bücher 29.10.2026, 09:10 Uhr Jetzt kommentieren: 0

Billionen-Börsengang: Anthropic öffnet die Bücher
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© BörsenNEWS.de
Werte zum Artikel
Name Aktuell Diff. Börse
Alphabet 262,20 EUR +0,60 % L&S Exchange
Microsoft 493,68 EUR -2,39 % L&S Exchange
SpaceX 129,40 EUR -0,04 % L&S Exchange
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Es ist der wohl meistbeachtete Börsengang des Jahres: Mit dem am Montag veröffentlichten Wertpapierprospekt hat Anthropic erstmals detaillierte Einblicke in seine Finanzen gegeben. Der Entwickler des KI-Assistenten Claude will an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ gelistet werden – nach aktuellem Stand frühestens ab Mitte November. Diskutiert wird eine Bewertung zwischen 1,5 und 2 Billionen Dollar und damit eine Größenordnung wie beim Börsengang von SpaceX im Juni.

Der Zeitpunkt fällt in eine nervöse Phase für den gesamten KI-Sektor. Gerade erst hat der Markt Alphabet für steigende Investitionen in Rechenzentren abgestraft. Unter Anlegern wird die Frage, ob hinter dem KI-Boom genug Substanz steckt, derzeit so lebhaft diskutiert wie selten.

Umsatz wächst um das 14-Fache

Die Wachstumszahlen im Prospekt sind außergewöhnlich. Im ersten Halbjahr 2026 setzte Anthropic rund 16,3 Milliarden Dollar um – nach 1,16 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum, also etwa das 14-Fache. Allein im zweiten Quartal kamen 11,6 Milliarden Dollar zusammen, nach 4,7 Milliarden Dollar im ersten. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 lag der Umsatz bei 4,6 Milliarden Dollar. Die Zahl der Firmenkunden mit mehr als 100.000 Dollar Jahresumsatz stieg innerhalb eines Jahres von rund 950 auf etwa 11.900.

Der Preis für dieses Tempo ist hoch. Für 2025 weist Anthropic einen Nettoverlust von 42 Milliarden Dollar aus, im ersten Halbjahr 2026 sind es rund 80,7 Milliarden Dollar. Der Großteil davon, gut 72 Milliarden Dollar, geht allerdings auf buchhalterische Bewertungseffekte bei Vorzugsaktien und Optionsrechten zurück und fließt nicht als Geld ab. Operativ stand im Halbjahr ein Verlust von knapp 0,7 Milliarden Dollar – im zweiten Quartal schrieb Anthropic mit rund 974 Millionen Dollar erstmals einen operativen Gewinn.

Aus Anlegersicht wird an genau dieser Schwelle derzeit der gesamte Sektor gemessen. Ein stark steigender Umsatz allein überzeuge nicht mehr; entscheidend sei, ob am Ende Gewinne und freier Cashflow folgen. Diese Lesart zieht sich durch mehrere Diskussionen zu den großen Tech-Werten – getragen von der Erwartung, dass sich die Ergebnisse mittelfristig deutlich verbessern könnten, aber auch von spürbarer Ungeduld.

Eine halbe Billion Dollar für Rechenleistung

Wo das Geld hingeht, zeigt der Prospekt ebenfalls. Die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur stiegen im ersten Halbjahr auf 8,9 Milliarden Dollar, nach 2,3 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Noch schwerer wiegen die langfristigen Verträge: Mit Partnern wie Broadcom, Alphabet, Amazon und Microsoft hat Anthropic Rechenkapazitäten über mehrere hundert Milliarden Dollar gebucht. Rund eine halbe Billion Dollar davon ist nach den Angaben im Prospekt nicht kündbar – sie müsste also auch dann bezahlt werden, wenn das Wachstum nachlässt.

Dem steht ein dickes Polster gegenüber: Nach einer Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar im Mai, die Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertete, verfügte das Unternehmen zuletzt über liquide Mittel von gut 131 Milliarden Dollar. Der Börsengang selbst könnte weitere Milliarden einbringen.

Unter Anlegern sorgen die Summen, die im KI-Sektor bewegt werden, vor allem für Staunen und Skepsis. Mehrere Stimmen verweisen nach den Alphabet-Zahlen darauf, dass die enormen Investitionen den Cashflow der Konzerne belasten; zugespitzt wird erwartet, dass jede weitere Erhöhung der Investitionspläne den Kurs zusätzlich drücke. Zugleich wird gefragt, welche Zulieferer die Milliarden am Ende einstreichen – eine Frage, die mit dem Anthropic-Prospekt eine neue Antwort bekommt.

Alphabet abgestraft, Microsoft belohnt

Was der Börsengang über den KI-Sektor verrät, lässt sich an den jüngsten Quartalszahlen der Großkonzerne ablesen. Alphabet steigerte seine Investitionen im dritten Quartal auf gut 51 Milliarden Dollar und stellte für 2027 weiter steigende Ausgaben in Aussicht. Die Aktie hat im Wochenverlauf rund 11 Prozent abgegeben und notiert aktuell bei gut 260 Euro. Microsoft dagegen überzeugte mit einem höheren freien Cashflow und notiert mit rund 493 Euro knapp 1 Prozent im Plus.

Aus Anlegersicht passt das ins Bild: Belohnt werde derzeit, wer nicht mehr übermäßig Geld verbrennt. Das Bild ist allerdings nicht einhellig. Der Diskussion über eine KI-Blase wird entgegengehalten, dass etablierte Konzerne zunehmend Arbeit durch KI ersetzten – das spreche eher für Substanz als für eine Übertreibung. Die Stimmung schwankt damit zwischen grundsätzlichem Vertrauen in die Technologie und wachsenden Zweifeln, ob sich die Investitionen schnell genug rechnen.

Für Anthropic ist diese Gemengelage Rückenwind und Risiko zugleich. Das Unternehmen ist einer der größten Abnehmer der Rechenkapazitäten, die Alphabet, Amazon und Microsoft aufbauen. Ein erfolgreicher Börsengang könnte die These stützen, dass sich die Milliarden über zahlende KI-Kunden refinanzieren lassen. Ein holpriger Start dürfte dagegen die Zweifel am gesamten Sektor verstärken.

SpaceX zeigt, wie schnell der Glanz verblassen kann

Wie sich ein Billionen-Börsengang danach entwickeln kann, zeigt SpaceX. Die Raumfahrtfirma ging Mitte Juni zu 135 Dollar je Aktie an die Börse, bei einer Bewertung von rund 1,77 Billionen Dollar. Am ersten Handelstag legte der Kurs um rund 19 Prozent zu, kurz darauf folgte ein steiler Anstieg. Danach drehte die Stimmung: Vom Hoch bei gut 184 Euro bis zum Tief bei knapp 92 Euro hat sich der Kurs zwischenzeitlich halbiert. Aktuell notiert die Aktie bei rund 129 Euro, etwa 30 Prozent unter dem Hoch.

Das Muster ist nicht ungewöhnlich. Seit 1980 legten US-Börsenneulinge am ersten Handelstag im Schnitt um rund 19 Prozent zu. Bei den zehn größten US-Börsengängen seit 2006 fiel der Kurs im ersten Jahr zeitweise im Mittel um gut ein Drittel unter den Ausgabepreis; nach zwölf Monaten lagen sie durchschnittlich rund 12 Prozent darunter. Bei Anthropic kommt eine Besonderheit hinzu: Ein Teil der Mitarbeiter darf bereits am ersten Handelstag Aktien verkaufen, weitere Papiere werden in mehr als 20 Schritten über ein Jahr freigegeben – statt wie üblich gebündelt nach 180 Tagen. Die Stimmrechtsmehrheit von 50,1 Prozent bleibt zudem über eine eigene Aktiengattung bei den Gründern.

Aus Anlegersicht passt der Börsengang in ein Umfeld, in dem Begeisterung und Ernüchterung eng beieinanderliegen. Hohe Investitionen, teure Finanzierung und verschobene Börsengänge werden als Warnzeichen gelesen:

Ultra hohe Capex Ausgaben bei hyperscalern kommen nicht gut an. Cash aufgebraucht. […] Ipos holpern und werden verschoben. […] Euphorie und Kraterstimmung liegen dicht zusammen.

Für den weiteren Fahrplan fehlen noch entscheidende Angaben. Eine Preisspanne und die Zahl der angebotenen Aktien hat Anthropic bisher nicht genannt; die Vermarktung bei institutionellen Investoren könnte rund zwei Wochen nach Veröffentlichung des Prospekts starten. Über welche Banken und Broker Privatanleger in Deutschland Zeichnungsaufträge erteilen können, ist ebenfalls noch offen. Erst mit dem Ausgabepreis lässt sich einordnen, wie viel der erhofften Zukunft bereits in der Bewertung steckt.

Bn-Redaktion/sb
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