Südkoreas Aktienmarkt stand am Donnerstagmorgen für 20 Minuten still. Nachdem der Leitindex Kospi zeitweise um 8 Prozent eingebrochen war, setzte die Börse in Seoul den Handel per Notbremse aus. Mittendrin: der Speicherchip-Hersteller SK hynix, dessen Aktie in Seoul zeitweise fast 12 Prozent verlor. Hierzulande notiert das Papier auf Tradegate aktuell gut 9 Prozent tiefer bei 840 Euro. Auslöser der Verkaufswelle ist die Angst vor steigenden US-Zinsen – unter Aktionären herrscht nach dem nächsten Tiefschlag vor allem Fassungslosigkeit.
US-Inflation weckt die Furcht vor der Fed
Die US-Verbraucherpreise sind im September so stark gestiegen wie seit fünf Monaten nicht mehr. Damit rückt eine weitere Zinserhöhung der US-Notenbank Fed wieder in den Bereich des Möglichen: Beim Finanzdienstleister Lazard hieß es, eine Leitzinsanhebung im Oktober stehe wieder zur Debatte – eine externe Einschätzung, keine redaktionelle Prognose. Der technologielastige Nasdaq 100 gab am Mittwoch um rund 2 Prozent nach, in Asien setzte sich der Ausverkauf am Morgen fort. Der Konkurrent Samsung Electronics notiert auf Tradegate 9 Prozent tiefer bei 2.630 Euro, der japanische Testgeräte-Hersteller Advantest verliert sogar fast 12 Prozent auf knapp 194 Euro.
Dass die Zinssorge ihre Berechtigung hat, wird auf Anlegerseite durchaus eingeräumt: Inflation und steigende Zinsen seien real und für Aktien nicht gerade förderlich. Das Ausmaß der Verluste stößt jedoch auf Unverständnis. Mehrere Aktionäre halten es für kaum erklärbar, dass ein möglicher Zinsschritt um einen Viertelprozentpunkt einen derartigen Abverkauf auslöst – der Rest sei schlicht Panik. Der Ton schwankt zwischen Ärger und Ratlosigkeit.
CoreWeave rückt Schuldenrisiken ins Rampenlicht
Hinzu kommt ein zweiter Brandbeschleuniger. Der KI-Cloud-Anbieter CoreWeave war am Vortag in New York um 15,5 Prozent eingebrochen, seine Anleihen rutschten auf ein Niveau, das üblicherweise auf finanzielle Schwierigkeiten hindeutet. Auf Tradegate verliert die Aktie heute weitere knapp 5 Prozent auf 56,06 Euro. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den schuldenfinanzierten Aufbau der KI-Infrastruktur: Rechenzentren verschlingen enorme Summen, höhere Zinsen würden die Finanzierung verteuern und könnten Investitionen bremsen. Genau von diesen Investitionen lebt SK hynix als einer der wichtigsten Lieferanten von Hochleistungsspeicher (HBM) für KI-Prozessoren.
Auf Aktionärsseite wird die Marktlage nüchtern beschrieben: Es fehlten schlicht die Käufer, und solange niemand zugreife, spiele die Qualität des Unternehmens kaum eine Rolle. Dem wird entgegengehalten, Käufer gebe es durchaus – sie seien nur nicht mehr bereit, die Preise der Vorwochen zu zahlen. Zudem klingt an, dass das Kapital am Markt knapper werde und derzeit das gesamte Segment riskanter Wachstumswerte unter die Räder gerate. Die Stimmung wirkt ernüchtert.
Kurs und Geschäft driften auseinander
Bemerkenswert ist, wie weit sich Kurs und Geschäftslage bei SK hynix voneinander entfernt haben. Binnen einer Woche ist die Aktie von rund 1.135 Euro auf zuletzt 840 Euro abgerutscht – ein Minus von gut einem Viertel. Vom Jahreshoch bei 1.735 Euro hat sie inzwischen mehr als die Hälfte eingebüßt. Auf Zwölfmonatssicht hat sich der Kurs allerdings noch immer etwa verdreifacht: Vor einem Jahr kostete das Papier rund 272 Euro.
Für Aktionäre liegt genau hier der Kern des Problems. Die Bewertung sei schon vor dem Einbruch niedrig gewesen, Anzeichen dafür, dass die großen Cloud-Konzerne ihre Investitionen zurückfahren, gebe es keine – die Auftragsbücher der Branche seien im Gegenteil gut gefüllt. Zudem wird auf Aussagen des Unternehmens verwiesen, wonach die Nachfrage nach KI-Infrastruktur und nach der neuen Speichergeneration HBM4 weiterhin stark sei. Eine Erklärung für die Kluft zwischen Zahlen und Kurs liefert diese Einschätzung:
Es ist halt aktuell dieses Spiel zwischen Fomo der starken Earnings und der Panik, dass diese Margen in paar Jahren wieder zusammenbrechen. Das wird halt alles jetzt schon eingepreist.
Der Einwand dagegen: Niemand wisse, wie der Markt in zwei oder drei Jahren aussehe, die Börse blicke üblicherweise sechs bis zwölf Monate voraus – und Chips würden auf Dauer gebraucht. Die Anleger-Stimmung pendelt damit zwischen Vertrauen in die Fundamentaldaten und der Sorge, dass der Markt gerade nach eigenen Regeln spielt.
TSMC hält mit starkem Quartal dagegen
Ein Gegengewicht kam am Morgen aus Taiwan. Der Auftragsfertiger TSMC meldete für das September-Quartal einen besser als erwartet ausgefallenen Gewinn und bestätigte sein Investitionsziel für 2026 von bis zu 64 Milliarden US-Dollar. TSMC produziert unter anderem die KI-Prozessoren für Nvidia – und diese benötigen Hochleistungsspeicher, wie ihn SK hynix liefert. Dem Abwärtssog konnte sich die TSMC-Aktie dennoch nicht entziehen: Auf Tradegate verliert sie aktuell 2,7 Prozent auf 375,75 Euro.
Unter Anlegern gelten die Zahlen als indirekt positives Signal, weil sie bestätigten, dass die Nachfrage nach KI-Rechenleistung hoch bleibe. Ein Beleg dafür, dass SK hynix selbst entsprechend wachse, seien sie allerdings nicht – ob sie den Ausverkauf bremsen könnten, bleibe offen. Dass gute Nachrichten die Kurse derzeit kaum bewegen, sorgt sichtlich für Frust. Wie es weitergeht, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie sich die Zinserwartungen in den USA entwickeln und ob im KI-Sektor weitere Finanzierungssorgen auftauchen. Bis dahin bleibt der Ton unter Aktionären angespannt.