Linke, Grüne und SPD wollen Berlins größte private Vermieter vergesellschaften. Für Vonovia ist das ein harter Start in die Woche: Im frühen Handel fiel die Aktie bis knapp an ihr Tief seit 2023 bei 16,185 Euro, am Morgen lag das Minus zeitweise bei rund 2 Prozent. Inzwischen hat sich das Papier etwas gefangen und notiert bei 16,53 Euro, gut 1 Prozent unter dem Freitagsschluss. Unter Aktionären herrscht Nervosität, aber keine Panik – die Pläne gelten vielen als politisch hochriskant, rechtlich jedoch als schwer durchsetzbar.
Fünf Konzerne, 160.000 Wohnungen, 16 Milliarden Euro
Am Wochenende haben die drei Parteien ihre Sondierungen abgeschlossen. Nach dem Sondierungspapier sollen private Wohnungskonzerne mit mehr als 10.000 Wohnungen in Berlin vergesellschaftet und in eine Anstalt öffentlichen Rechts überführt werden. Einen Grundbestand von 10.000 Wohnungen dürften die Unternehmen behalten, Neubauten ab 2021 wären ausgenommen. Die Entschädigung ist auf höchstens 16 Milliarden Euro gedeckelt und soll über Kredite finanziert und über die Mieten refinanziert werden. Betroffen wären nach Angaben der Linken rund 160.000 Wohnungen von fünf Unternehmen, darunter Vonovia mit ihrer Tochter Deutsche Wohnen. Gegenüber dem Volksentscheid von 2021, der schon ab 3.000 Wohnungen greifen sollte, fällt der Plan milder aus.
Aus Anlegersicht rückt vor allem der Zeitplan in den Blick: Ein Gesetz soll erst Mitte 2028 vorgelegt werden und frühestens ein Jahr später in Kraft treten. Bis zu einer Entschädigung könnten damit viele Jahre vergehen, in denen die Mieteinnahmen weiter flössen – zusammen mit einer festen Entschädigungssumme sei das für Vonovia durchaus kalkulierbar, lautet eine Rechnung. Am Ende stehe womöglich der Staat als Verlierer da, wenn er nach jahrelangem Rechtsstreit einen Großteil des Wertes bezahlen müsse. Der Einwand der Gegenseite: Die Wohnungen seien deutlich mehr wert als der gedeckelte Betrag. Offen bleibt aus Aktionärssicht zudem, ob der Konzern Berliner Bestände vorher veräußern oder Investitionen in der Hauptstadt zurückfahren könnte. Der Ton zu diesem Punkt ist eher nüchtern-rechnend als alarmiert.
Grüne und SPD entscheiden noch am Montagabend
Hintergrund ist das Ergebnis der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September, bei der die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft wurde. Die bisherige Koalition aus CDU und SPD verlor ihre Mehrheit. Am Montagabend entscheiden Grüne und SPD in Berlin, ob sie Koalitionsverhandlungen mit der Linken aufnehmen, die Linke selbst stimmt am 31. Oktober ab. Ganz geschlossen ist die SPD nicht: 20 SPD-Bundestagsabgeordnete haben sich in einer Erklärung gegen Gespräche mit der Linken ausgesprochen, SPD-Fraktionschef Matthias Miersch nannte die Vergesellschaftungspläne den falschen Weg.
Dass die Berliner SPD das Vorhaben im Sondierungspapier mitträgt, hat Aktionäre überrascht. Mehrere Anleger zeigen sich irritiert darüber, wie weit die übrigen Parteien der Linken entgegengekommen sind. Wer den Montag als Nicht-Ereignis abtut, erntet Widerspruch:
Nein, kein Nonevent. SPD eingeknickt - das war vorher nicht klar. Glaube ja auch nicht, dass die "Enteignung" so umgesetzt werden kann. Aber 2 Stichworte sagen alles: Damoklesschwert, Sentiment
Genau dieser Doppelcharakter prägt die Debatte: Die tatsächliche Umsetzung halten nur wenige für wahrscheinlich, die Unsicherheit dürfte aber über Jahre auf der Aktie lasten, so die Befürchtung. Solange das Thema nicht vom Tisch sei, werde es eher weiter abwärts gehen, heißt es auf der skeptischen Seite.
Bund will Verstaatlichung verbieten – doch ein Gesetzentwurf fehlt
Gegenwind kommt vom Bund: Die schwarz-rote Bundesregierung hatte bereits im Juli beschlossen, eine solche Vergesellschaftung verhindern zu wollen. Ein Gesetzentwurf liegt bislang nicht vor, das Vorhaben befindet sich nach Angaben des Bundesinnenministeriums noch in der Abstimmung zwischen dem Haus von Alexander Dobrindt sowie den SPD-geführten Justiz- und Bauministerien. Rechtlich dreht sich alles um Artikel 15 des Grundgesetzes, der die Überführung von Grund und Boden in Gemeineigentum per Gesetz mit Entschädigungsregelung erlaubt. Ein schlichtes Verbot für die Länder könnte allerdings als unzulässige Negativgesetzgebung vor dem Bundesverfassungsgericht angegriffen werden – Mehrere Juristen halten deshalb eine Verknüpfung mit einem positiven Ziel wie mehr Wohnraum für nötig.
Unter Aktionären überwiegt die Erwartung, dass am Ende ohnehin Karlsruhe entscheiden werde. Ein häufig vorgebrachtes Argument: In dieser Form hätten die Pläne vor Gericht keinen Bestand – zumal bei der Tochter Deutsche Wohnen ein Großteil des Bestands in Berlin liege, die damit überproportional betroffen wäre. Die rechtliche Unsicherheit wird dabei weniger als Risiko für den Ausgang denn als Bremse für die Zeit bis zur Klärung gesehen. Die Grundstimmung bleibt trotzig zuversichtlich, allerdings ohne Hoffnung auf eine schnelle Entwarnung.
Minus schrumpft – Zinsen rücken in den Vordergrund
Binnen eines Jahres hat die Vonovia-Aktie rund 40 Prozent an Wert verloren, zum Wochenstart konnte sie ihr Minus nach dem frühen Tief aber eingrenzen. Die Deutsche-Wohnen-Aktie notiert sogar knapp 2 Prozent im Plus bei 15,30 Euro, LEG Immobilien mit einem Bestand überwiegend in Nordrhein-Westfalen notiert bei 46,56 Euro nahezu unverändert.
Auf Anlegerseite wird das aufmerksam registriert, die Deutung fällt gelassener aus als am Wochenende befürchtet. Berlin sei längst eingepreist, so die verbreitete Lesart – den Kurs drückten vielmehr die gestiegenen Anleiherenditen. Wenn selbst eine solche Nachricht kaum noch etwas bewege, sei das Potenzial für schlechte Neuigkeiten weitgehend ausgeschöpft; kursbestimmend seien nun Zinsen und Inflation. Vonovia gelte in dieser Sicht als Wette auf sinkende Renditen, die eher gefragt sein könnte, falls die Euphorie um KI-Werte abkühlt. Skeptiker halten dagegen, dass hohe Schulden und eine unkalkulierbare politische Lage die Aktie wenig attraktiv machten, und verweisen auf die Enttäuschung der vergangenen drei Jahre. Unter dem Strich schwankt die Stimmung zwischen Erleichterung über den ausgebliebenen Absturz und der Sorge, dass Berlin die Aktie noch lange begleiten könnte.