Erstmals seit Ende Juli ist der DAX unter 25.000 Punkte gerutscht. Am Vormittag sackte der Leitindex bis auf rund 24.825 Zähler ab, bis zum Mittag hat er den Rückschlag aber fast vollständig aufgeholt und notiert inzwischen bei etwa 25.160 Punkten – nur noch knapp unter dem Schlussstand vom Mittwoch. Treiber sind Ölpreis und Anleihemarkt: Brent kostete zeitweise mehr als 100 Dollar je Barrel, und die Sorge vor hartnäckiger Inflation und steigenden Zinsen lastet auf den Kursen. Unter Anlegern ist die Erleichterung über die Erholung spürbar, das Misstrauen aber nicht verflogen.
Brent springt zeitweise über 100 Dollar
Am frühen Morgen hatte der Ölpreis noch nachgegeben, im Handelsverlauf drehte er kräftig nach oben: Brent kletterte bis auf 100,84 Dollar und kostet zuletzt 99,72 Dollar, ein Plus von 1,8 Prozent. Hintergrund bleibt der Iran-Krieg. Zwar nähern sich die Rohölexporte aus der Golfregion wieder dem Vorkriegsniveau, weil Saudi-Arabien Verladungen über eine Pipeline an der Straße von Hormus vorbei wieder aufgenommen hat. Am Dienstag wurden in der Meerenge aber erneut Tanker beschossen, zudem verknappt ein Exportstopp für Benzin und Kerosin aus China die Versorgung mit Ölprodukten. In Deutschland hatten Rekordpreise an den Zapfsäulen die Inflation im September bereits auf 3,3 Prozent getrieben – so hoch wie seit fast drei Jahren nicht mehr.
Aus Anlegersicht ist der Schuldige für den schwachen Vormittag schnell gefunden: Mit jedem Anziehen des Ölpreises geriet auch der Leitindex wieder unter Druck, die Hoffnung auf eine Gegenbewegung beim Öl begleitete jeden Erholungsversuch. Irritation löst allerdings das Timing aus.
Wieso drehen die Anleihen eigentlich gerade jetzt so auf? Es fließt doch wesentlich mehr Öl durch die Straße inzwischen.
Der Einwand trifft einen wunden Punkt: Am Markt zählt derzeit weniger die tatsächlich geförderte Menge als die Angst, dass teure Energie die Teuerung dauerhaft hochhält.
Renditen klettern auf Jahreshoch
Genau diese Sorge spiegelt sich am Rentenmarkt. Nach Einschätzung der Consorsbank bleiben die Anleiherenditen der wichtigste Taktgeber für deutsche Aktien – jede neue Verkaufswelle bei Staatsanleihen erhöhe den Druck auf den DAX. Bei CMC Markets wird auf den doppelten Effekt verwiesen: Höhere Renditen verteuern die Finanzierung der Unternehmen und machen Anleihen zugleich als Anlagealternative attraktiver. Besonders zu spüren bekamen das am Vormittag Immobilienwerte wie Vonovia. Inzwischen hat sich der Bund-Future allerdings von seinem Tagestief gelöst und liegt mit 0,3 Prozent im Plus – parallel zur Erholung am Aktienmarkt.
Auf Aktionärsseite werden die Signale aus den USA mit Sorge verfolgt: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen steht auf Jahreshoch, was den Blick auch auf die Wall Street lenkt. Der Anstieg der Renditen könne dort den Beginn einer größeren Korrektur markieren, lautet eine pessimistische Lesart. Der Ton bleibt entsprechend angespannt.
Micron-Rekord verpufft am deutschen Markt
Ausgerechnet starke Vorgaben aus der Tech-Branche konnten den DAX nicht tragen. Der Speicherchip-Hersteller Micron hatte ein weiteres Rekordquartal und einen optimistischen Ausblick gemeldet. Davon profitierten vor allem technologielastige Märkte: Der japanische Nikkei 225 legte um rund 2,5 Prozent zu, der Nasdaq 100 notiert vorbörslich 0,7 Prozent höher. Im DAX gibt es dagegen nur wenige Chipwerte; Infineon zählt mit einem Plus von gut einem Prozent zu den Gewinnern, kann den Index aber allein nicht ziehen.
Diese Diskrepanz beschäftigt mehrere Anleger schon seit dem frühen Morgen. Asien im Plus, Nasdaq fester, Öl zeitweise rückläufig – und trotzdem kam der deutsche Leitindex nicht vom Fleck. Gerade die Schwäche im direkten Vergleich mit den US-Technologiewerten wird als auffällig beschrieben, gute Nachrichten von Micron allein reichten offenbar nicht. Die Stimmung schwankt zwischen Kopfschütteln und Galgenhumor.
Zurück an der Marke von 25.160 Punkten
Die technische Ausgangslage bleibt heikel. Bereits am Dienstag war der DAX unter die 100-Tage-Linie gefallen, den September beendete er mit einem Minus von 4 Prozent. Bei QC Partners gilt der Bereich um 25.160 Punkte als unterer Rand der jüngsten Handelsspanne, in dem sich der Index im September zweimal stabilisieren konnte – genau dort notiert er inzwischen wieder. Sollte diese Zone nicht halten, dürfte die runde Marke von 25.000 Punkten erneut in den Fokus rücken. Der Kursindex hat seinen Jahresgewinn nach dieser Einschätzung bereits vollständig aufgegeben.
Charttechnisch orientierte Anleger verweisen darauf, dass die Talfahrt fast punktgenau an der 200-Tage-Linie endete, die sie bei knapp 24.830 Punkten verorten. Skeptiker halten dagegen, eine Bestätigung der Wende stehe noch aus, ein erneuter Test der Tiefs sei jederzeit möglich. Ein psychologischer Faktor zum Monatsanfang kommt hinzu: Sparpläne würden erst am Nachmittag ausgeführt und kauften diesmal immerhin nicht auf Rekordniveau. Die Anleger-Stimmung bleibt damit vorsichtig – erleichtert über die Gegenbewegung, aber ohne Vertrauen in ihre Dauer.