Der US-Speicherchiphersteller Micron hat mit seinem Quartalsbericht die Erwartungen der Analysten klar übertroffen – an der Börse zahlt sich das bislang nicht aus. Vorbörslich in den USA hatte das Papier zunächst gut ein Prozent auf 1.076 Dollar zugelegt, inzwischen ist es ins Minus gedreht: Im deutschen Handel notiert die Aktie am Mittag rund 0,9 Prozent tiefer bei 947,55 Euro. Gegen die Sorge um die rasant steigenden Anleiherenditen kommt selbst der KI-Boom derzeit kaum an. Unter Aktionären sorgt das für sichtliches Kopfschütteln.
Umsatz fast verfünffacht, Prognose über den Erwartungen
Im vierten Geschäftsquartal, das am 3. September endete, erlöste Micron 54,23 Milliarden Dollar – nach 11,32 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Erwartet worden waren rund 51 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag mit 33,42 Dollar ebenfalls über den Schätzungen. Für das laufende Quartal stellt das Unternehmen 60 bis 63 Milliarden Dollar Umsatz und 37,15 bis 39,15 Dollar bereinigten Gewinn je Aktie in Aussicht; Analysten hatten mit knapp 57 Milliarden Dollar und gut 36 Dollar gerechnet. Treiber sind der Ausbau von KI-Rechenzentren und deutlich gestiegene Preise für Speicherchips.
Aus Anlegersicht ist das mehr als ein gutes Quartal. Mehrere Aktionäre werten die Zahlen als Zeichen, dass der klassische Schweinezyklus der Speicherbranche durchbrochen sein könnte und die Nachfrage über Jahre hoch bleibe. Als nächster Wachstumstreiber wird die physische KI genannt: Autonome Fahrzeuge und humanoide Roboter bräuchten ein Vielfaches des heutigen Speichers. Der Grundton zu den Zahlen fällt damit klar zuversichtlich aus.
Margenwarnung und Renditesprung dämpfen die Euphorie
Einen Wermutstropfen lieferte Micron gleich mit: Die Bruttomarge dürfte im neuen Quartal von 87 auf 86,3 Prozent sinken, vor allem wegen höherer Mitarbeitervergütungen. Schwerer wiegt das Umfeld. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist auf den höchsten Stand seit 2002 gestiegen, getrieben von Inflationssorgen infolge hoher Energiepreise. Der Preis für Öl der Sorte Brent zieht um 1,6 Prozent auf knapp 100 Dollar je Barrel an. Bei der Consorsbank hieß es, die Hoffnung auf neue KI-Euphorie, die den Markt von den Renditen ablenkt, habe sich nicht erfüllt.
Auf Aktionärsseite wird die Kursreaktion häufig als Gewinnmitnahme gedeutet: Nach der starken Vorwoche im Sektor sei es naheliegend, dass große Adressen Kasse machten, die Stimmung am Gesamtmarkt sei schlicht schlecht. Der These, die guten Zahlen seien längst eingepreist, wird allerdings widersprochen.
Kleine Anmerkung: Micron liegt noch immer unter seinem Junihoch. Trotz neuer, besserer Zahlen....da ist nix eingepreist. Vermutlich wieder KI-Ängste.
Tatsächlich ist das Rekordhoch von 1.255 Dollar aus dem Juni noch ein gutes Stück entfernt, obwohl sich der Kurs seit Jahresbeginn fast vervierfacht hat. Zwischen Gewinnmitnahme und Misstrauen gegenüber dem KI-Zyklus bleibt die Stimmung zu diesem Punkt gereizt.
Bewertung im einstelligen KGV-Bereich spaltet die Lager
Gerade die Kursschwäche lenkt den Blick auf die Bewertung. Gemessen an den Gewinnzielen für das laufende Quartal ergäbe sich hochgerechnet ein Kurs-Gewinn-Verhältnis im einstelligen Bereich. Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet, ein Unternehmen mit solchen Gewinnen und weitgehend verkauften Kapazitäten für Hochleistungsspeicher sei kaum teuer; Speicherpreise dürften frühestens Mitte kommenden Jahres nachgeben. Der Einwand: Ein solches KGV beruhe auf Schätzungen, die ebenso schnell wieder korrigiert werden könnten.
Prominente Rückendeckung bekommen die Zweifler von Michael Burry. Der durch seine Wette gegen den US-Immobilienmarkt bekannte Investor hält ein früheres Platzen der KI-Blase für möglich und hat Leerverkäufe durch Put-Optionen auf KI-Werte ersetzt. Aus Sicht der Kurs-Optimisten ändert das wenig: Burry habe eine Wette laufen, die Fakten sprächen eine andere Sprache. Die Debatte bleibt damit offen, der Ton zwischen den Lagern zugespitzt.
Europäische Chipwerte geben frühe Gewinne ab
Am Morgen hatte Micron zunächst die gesamte Branche angeschoben. Infineon erreichte zeitweise ein Hoch seit Mitte August und legte bis zu 3,5 Prozent zu, aktuell steht noch ein Plus von 1,2 Prozent bei 60,24 Euro. Der Konzern setzt zudem große Hoffnungen in eine neu eröffnete Fabrik in Thailand. Aixtron dagegen fiel von einem Dreiwochenhoch zurück und verliert 1,9 Prozent. In den USA deuten sich für Nvidia und AMD Gewinne von gut einem bis knapp zwei Prozent an, der Nasdaq 100 wird rund 0,7 Prozent höher taxiert. Zeitweise hatte sich für den Technologieindex sogar ein neuer Rekord abgezeichnet.
Aus Anlegersicht ist das Geschehen vor dem US-Handelsstart ohnehin wenig aussagekräftig – entscheidend sei, wie die Wall Street ab 15:30 Uhr auf die Zahlen reagiere. Von skeptischer Seite wird allerdings erwartet, dass dann der gesamte Sektor nachgibt. Zwischen Vertrauen in den Speicherboom und Sorge vor dem Zinsumfeld schwankt die Stimmung damit vor allem eines: abwartend.