TotalEnergies tritt bei 78,45 Euro auf der Stelle. Während sich die Aktie des französischen Ölkonzerns am Mittwoch kaum bewegt, gerät in Deutschland ein Instrument unter Druck, das die Politik im Frühjahr als Entlastung für Autofahrer eingeführt hatte: die 12-Uhr-Regel an den Tankstellen. Am Freitag befasst sich der Bundesrat auf Initiative Schleswig-Holsteins mit ihrer Abschaffung – und die Bilanz nach knapp sechs Monaten fällt aus Sicht von Ökonomen, Verbraucherschützern und Automobilclub ernüchternd aus.
Seit April nur eine Preiserhöhung pro Tag
Seit dem 1. April dürfen Tankstellen die Preise für Benzin und Diesel nur noch einmal täglich anheben, und zwar um 12.00 Uhr. Senkungen sind jederzeit erlaubt. Den Vorstoß hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gemacht, der Bundesrat hatte bereits im November 2025 angeregt, das Modell zu prüfen. Vorbild ist Österreich, wo eine vergleichbare Regelung seit 2011 gilt. Die Erwartung dahinter: Weniger Preissprünge sollten für mehr Transparenz und Planbarkeit beim Tanken sorgen.
Die Zahlen seither zeichnen ein anderes Bild. Im April, dem ersten Monat mit der neuen Regel, kostete ein Liter Super E10 im Monatsmittel 2,109 Euro, Diesel 2,263 Euro – damals der teuerste Tankmonat aller Zeiten. Inzwischen liegt das Niveau noch deutlich höher: Am Dienstag mussten Autofahrer im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,267 Euro für E10 und 2,428 Euro für Diesel zahlen. Die Rekordwerte aus der vergangenen Woche lagen jeweils noch gut vier Cent darüber.
Preispuffer zur Mittagszeit
Den Kern der Kritik bildet ein Mechanismus, den Wettbewerbsökonomen schon vor der Einführung beschrieben hatten: Wer seine Preise nur einmal am Tag erhöhen darf, kalkuliert mögliche Kostensteigerungen der folgenden 24 Stunden vorsorglich ein. Der Preissprung um 12 Uhr fällt entsprechend kräftig aus und dient den Betreibern als Puffer für den Rest des Tages. Genau diesen Effekt beschreibt auch Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU), der der Regel keinen erkennbaren Entlastungseffekt attestiert.
Der ADAC, der inzwischen die komplette Abschaffung fordert, sieht das ähnlich. Die Preiserhöhung sei zwar vorhersehbarer geworden, günstiger sei Tanken dadurch aber keinesfalls. Stattdessen habe sich die Spanne innerhalb eines Tages ausgeweitet: Im September lagen beim Diesel zwischen höchstem und niedrigstem Tagespreis 17 Cent – mehr als vor Einführung der Regel. Wer mittags auf längeren Strecken tanken muss, erlebt nach Einschätzung des Automobilclubs besonders deutliche Sprünge; an Autobahntankstellen wurden für Premiumsorten zuletzt teils mehr als drei Euro pro Liter aufgerufen.
Auch die Wissenschaft liefert wenig Rückendeckung. Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und das Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) ermittelten, dass die Gewinnmarge bei Superbenzin in den ersten zwei Wochen nach dem Start im Schnitt um 6 Cent pro Liter höher lag als in den zwei Wochen zuvor. Bei Diesel fanden die Forscher keinen eindeutigen Effekt. Die Preise seien von der Mittagszeit bis in die Abendstunden systematisch erhöht, hieß es. DICE-Direktor Justus Haucap verweist zudem darauf, dass Tankstellen ihre Preise heute im Schnitt nur noch achtmal statt 22-mal täglich ändern – mit der Folge, dass Verbrauchern Gelegenheiten zum günstigen Tanken verloren gehen. Manche Betreiber hätten sogar ihre Öffnungszeiten angepasst. Auch das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung bewertet die Maßnahme negativ.
Kritiker staatlicher Preiseingriffe sehen darin ein grundsätzliches Muster: Regulierungen, die in die Preisbildung eingreifen, verändern das Verhalten der Anbieter – nicht selten anders als politisch beabsichtigt. Aus dieser Perspektive hat die Regel die Kosten der Preisunsicherheit nicht beseitigt, sondern über den mittäglichen Aufschlag an die Kunden weitergereicht. Verbraucherschützer monierten schon im April, dass die günstigsten Preise ausgerechnet am späten Vormittag erreicht werden, wenn die meisten Berufstätigen gar nicht tanken können.
Rohöl bleibt der größere Preistreiber
Allein auf die Tankregel lässt sich das hohe Preisniveau allerdings nicht zurückführen. Der wichtigste Treiber bleibt der Ölpreis, der wegen der anhaltenden Probleme in der Straße von Hormuz zuletzt um die Marke von 100 US-Dollar je Barrel Brent pendelte. Dass der Liter nach den Rekorden der Vorwoche wieder etwas billiger wird, geht vor allem auf nachgebende Rohölnotierungen zurück. Nach Einschätzung des ADAC kommt dieser Rückgang aber bisher nur teilweise an den Zapfsäulen an. Aktionäre verweisen zusätzlich auf Berichte, wonach die USA einen Stopp von Diesel-Exporten erwägen – und auf die Eigenheiten regionaler Kraftstoffmärkte.
Ist zwar ein Weltmarkt aber regional doch anders
Tatsächlich spielen neben dem Rohöl auch Wechselkurse, Logistik und Raffineriekapazitäten eine Rolle. Gerade beim Diesel, der in Europa zu einem erheblichen Teil importiert wird, könnten Engpässe auf der Angebotsseite die Preise zusätzlich stützen – unabhängig davon, zu welcher Uhrzeit Tankstellen ihre Preise anheben dürfen.
Ölkonzerne zwischen Marge und Analystenurteil
An der Börse dürfte die deutsche Tankregel für die großen Konzerne eine untergeordnete Rolle spielen, maßgeblich bleiben Förderung, Raffinerien und der Ölpreis. TotalEnergies hat im Wochenverlauf rund 2 Prozent abgegeben. Die US-Bank JPMorgan stufte die Aktie nach dem starken Lauf von „Overweight“ auf „Neutral“ ab und beließ das Kursziel bei 83 Euro. Als Risiko nannten die Analysten mögliche Ausfälle von Förderanlagen rund um die Straße von Hormuz.
Im Gegenzug hob JPMorgan BP, in Deutschland mit der Tankstellenmarke Aral vertreten, auf „Overweight“ und erhöhte das Kursziel von 550 auf 675 Pence. Begründet wurde das mit dem erwarteten Schuldenabbau – diese Einschätzungen stellen keine redaktionelle Empfehlung dar. Die BP-Aktie legt am Mittwoch um 1,4 Prozent zu. Shell gewinnt 0,7 Prozent auf 41,27 Euro, hat auf Wochensicht aber knapp 4 Prozent eingebüßt. Einige Anteilseigner blicken ohnehin weniger auf die Zapfsäule als auf die Ausschüttungen: Inflation und Kapitalertragsteuer würden von der Dividende nur wenig übrig lassen, merkte Nutzer @Tomcity1 an.
Bundesrat berät über die Zukunft der Tankregel
Ob die 12-Uhr-Regel Bestand hat, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden. Neben dem ADAC fordern seit August auch die freien Tankstellen ihre Abschaffung. Das Bundeskartellamt registrierte seit April tausendfache Verstöße, von technischen Fehlern bis zu „groben Abweichungen“; die Sanktionierung liegt bei den Ländern. Laut dem „Gesetz zur Anpassung von Kraftstoffpreisen“ muss das Bundeswirtschaftsministerium die Wirkung ein Jahr nach Einführung auswerten und dem Bundestag berichten.
Ein Votum des Bundesrats am Freitag wäre zunächst ein politisches Signal. Sollte die Länderkammer die Abschaffung unterstützen, könnte der Druck auf die Bundesregierung wachsen, die Regel vor Ablauf der Jahresfrist zu kippen oder nachzuschärfen. Für die Preise an der Zapfsäule dürfte kurzfristig jedoch weiter vor allem der Ölmarkt den Ausschlag geben.