Einen Tag nach dem Kurseinbruch schlägt das Pendel zurück. Am Donnerstag hatte IREN im Sog des Tech-Ausverkaufs an der Wall Street knapp 17 Prozent verloren, nach US-Börsenschluss legte der Betreiber von KI-Rechenzentren dann Quartalszahlen mit einem fast verdreifachten Cloud-Umsatz vor. Im deutschen Handel notiert die Aktie am Freitagvormittag bei 18,94 Euro und damit gut 7 Prozent über dem Vortagesschluss. Unter Aktionären überwiegt die Erleichterung – getrübt von einer Verzögerung beim Großkunden Microsoft.
KI-Cloud bringt fast neun von zehn Dollar Umsatz
Den Rahmen für den Absturz am Donnerstag lieferte die Politik: Der Erfolg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen schürte Sorgen vor strengeren Auflagen für Rechenzentren, die Nasdaq erlebte ihren schwächsten Handelstag seit dem Frühjahr 2025 und rutschte in eine Korrektur. Titel aus der Rechenzentrums-Branche gehörten zu den größten Verlierern. Umso stärker fiel der Kontrast zu den IREN-Zahlen aus: Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg der Umsatz gegenüber dem Vorquartal um 66 Prozent auf 228 Millionen US-Dollar, erwartet worden waren rund 221 Millionen. Die Erlöse aus der KI-Cloud schnellten um 182 Prozent auf 200 Millionen Dollar, während das Bitcoin-Mining von 67 auf 28 Millionen Dollar schrumpfte. Der Umbau vom Krypto-Schürfer zum KI-Dienstleister ist damit weitgehend vollzogen.
Aus Anlegersicht hat das Zahlenwerk allerdings einen schweren Stand gegen die Marktstimmung. Bei Neocloud-Anbietern interessiere derzeit kaum, welche Zahlen sie vorlegen, solange das Umfeld so angespannt bleibe.
Ich glaube egal welcher Neocloud welche Zahlen präsentiert interessiert in dem Marktumfeld keinen.
Dass die Aktie trotzdem anzieht, werten mehrere Aktionäre als Zeichen, dass die Zahlen und der Ausblick überzeugt haben. Der Tenor ist zuversichtlich, wenn auch nicht euphorisch: Nach dem Absturz von einst mehr als 60 Euro im Jahreshoch auf zuletzt unter 16 Euro im Tief der Woche wird der Anstieg eher als erstes Durchatmen gelesen.
Microsoft verlangt Umbau in Texas
Dass der Jubel verhalten bleibt, liegt an einem Projekt im texanischen Childress. Dort sollen 200 Megawatt Rechenleistung für Microsoft entstehen, Teil eines Vertrags über rund 9,7 Milliarden Dollar mit fünf Jahren Laufzeit. Der Softwarekonzern hat nun Änderungen an der Netzwerktechnik verlangt, damit die Kapazitäten auch die neuesten KI-Modelle bedienen können. Zusätzlich hakt es bei Zulieferern. Das Ziel eines annualisierten Umsatzes von mehr als 4 Milliarden Dollar verschiebt sich deshalb vom Jahresende auf Januar, womöglich auch auf Februar. Vertragsstrafen drohen nach Angaben des Managements nicht.
Auf Aktionärsseite wird die Verschiebung eher nüchtern aufgenommen. Mehr Gewicht erhält der Auftragsbestand, der auf 20,3 Milliarden Dollar gewachsen ist – zu rund zwei Dritteln mit Kunden bester Bonität. Der Einwand der Skeptiker: Schon bei einem anderen KI-Wert seien starke Zahlen erst nachbörslich gefeiert und am Nachmittag wieder abverkauft worden. Die Stimmung schwankt damit zwischen Vertrauen in die Verträge und der Sorge vor einem Strohfeuer.
Rund 15 Milliarden Dollar Investitionen stehen auf dem Prüfstand
Die Verzögerung trifft auf einen gewaltigen Kapitalbedarf. Für das laufende Geschäftsjahr plant IREN weitere Investitionen von rund 15 Milliarden Dollar. Etwa 9 Milliarden davon sind durch Barmittel und zugesagte Finanzierungen gedeckt, die restlichen rund 6 Milliarden hängen von den Bedingungen am Kapitalmarkt ab. Die liquiden Mittel sind im Quartal von etwa 5,9 auf rund 3,5 Milliarden Dollar geschrumpft, das Management will das Ausbautempo angesichts selektiverer Geldgeber drosseln. Unter dem Strich stand ein Verlust von 263 Millionen Dollar nach 684 Millionen im Vorquartal.
Genau hier setzt die Kritik an. Bilanz, Projekte und Finanzierung müsse man genau im Blick behalten, heißt es aus dem Kreis der Aktionäre – eine Kapitalmaßnahme könnte den Kurs jederzeit wieder belasten. Positiv hervorgehoben werden dagegen die eigenen Flächen und Stromkapazitäten auf drei Kontinenten sowie die Expansion nach Spanien, die das Länderrisiko streue. Gerade in Zeiten knapper Liquidität sei das Geschäftsmodell robuster als das hoch verschuldeter Wettbewerber. Der Ton bleibt wachsam, aber nicht ablehnend.
Nebius und CoreWeave ziehen mit nach oben
Die Erleichterung bei IREN strahlt auf die Branche aus. Nebius legt im deutschen Handel um gut 7 Prozent auf 115,99 Euro zu, CoreWeave gewinnt rund 8 Prozent auf 41,61 Euro. Auch Nvidia erholt sich mit einem Plus von gut 4 Prozent auf 169,35 Euro. Auf Wochensicht bleibt die Bilanz für IREN dennoch tiefrot: Vor einer Woche kostete die Aktie noch gut 22 Euro.
Für Aktionäre ist der Branchenvergleich ohnehin das eigentliche Thema. IREN und Nebius werden als die Anbieter mit der stärksten globalen Aufstellung gesehen; dass die großen Cloud-Konzerne ihren Bedarf rasch selbst decken, sei angesichts langwieriger Genehmigungen und knapper Stromanschlüsse nicht zu erwarten. Gleichzeitig richtet sich der Blick auf die Zahlen von CoreWeave in der kommenden Woche, die den gesamten Sektor wieder mit nach unten ziehen könnten. Das Gesamtbild ist von vorsichtiger Zuversicht geprägt: Die Bereinigung in der Branche dürfte weiterlaufen, die Schwankungen hoch bleiben.