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Panzer statt Loks

Rheinmetall schluckt Alstom-Werk in Kassel 06.10.2026, 14:55 Uhr Jetzt kommentieren: 0

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Nach 178 Jahren steht Kassels Lokomotivbau vor dem Aus. Rheinmetall übernimmt das dortige Werk des französischen Bahnherstellers Alstom mit rund 750 Beschäftigten – ein weiterer Schritt beim Umbau ziviler Industriestandorte für die Aufrüstung. An der Börse verpufft die Nachricht: Die Rheinmetall-Aktie verliert am Nachmittag rund 3,6 Prozent auf gut 947 Euro, während der Leitindex leicht zulegt.

750 Beschäftigte sollen zu den Landsystemen wechseln

Beide Unternehmen haben sich nach eigenen Angaben grundsätzlich auf die wesentlichen Eckpunkte geeinigt, Details werden noch verhandelt. Ziel sei, dass die Alstom-Belegschaft künftig bei der Rheinmetall Landsysteme am Standort Kassel arbeitet. Nach Einschätzung der IG Metall sind noch zahlreiche Fragen des Übergangs offen, zunächst hatte es auch Proteste gegeben. In Arbeitnehmerkreisen wird erwartet, dass Rheinmetall die Radpanzer-Fertigung ausweitet, die direkt neben dem Alstom-Werk läuft. Alstom selbst will weiter Lokomotiven bauen und seine Kunden vertragsgemäß beliefern; die Alstom-Aktie gewinnt gut 5 Prozent.

Das Muster ist bekannt: Im früheren Autoteile-Werk in Neuss fertigt Rheinmetall inzwischen Drohnen und Gefechtstürme, seit heute auch Radarsatelliten in Serie. Aus Anlegersicht passt das zu den jüngsten Unterlagen des Konzerns für Investoren, in denen von einem weiter stark steigenden Verteidigungsbedarf in Deutschland die Rede sei – mit Raketen, Luftverteidigung und Raumfahrt als Wachstumsfeldern.

Überzeugt ist davon längst nicht jeder. Ob sich ein Konzern, der zugleich Panzer, Munition, Schiffe, Satelliten und Drohnen ausbaut, nicht verzettelt, wird auf Aktionärsseite offen angezweifelt.

Glaube das Unternehmen will zu viel und der Kurs sagt sich "ne Danke, ich Cash aus"

Hinzu kommt der Einwand, klassische Landsysteme seien in Zeiten der Drohnenkriegsführung weniger gefragt. Er deckt sich mit der Verdrängungssorge, die Rheinmetall und Renk mit ihrem Schwerpunkt auf Bodensystemen seit Monaten belastet. Der Grundton bleibt skeptisch.

Von fast 994 auf 947 Euro binnen Stunden

Zum Handelsstart lag die Aktie noch bei knapp 985 Euro und markierte am Vormittag ihr Tageshoch bei 993,90 Euro. Inzwischen notiert sie bei 947,45 Euro, das Tagestief lag bei 942,25 Euro. Die Schwäche trifft die ganze Branche: Hensoldt verliert 5,7 Prozent auf 79,36 Euro, Renk 3,6 Prozent auf 36,21 Euro. Der DAX steigt dagegen um 0,3 Prozent auf rund 25.400 Punkte.

Unter Aktionären wird genau dieser Punkt betont: Es handle sich nicht um ein reines Rheinmetall-Problem, der gesamte Sektor stehe tiefrot. Paradox wirke zudem, dass die Aktie ausgerechnet nach einer positiven Unternehmensnachricht nachgibt. Ein Rutsch um rund 50 Euro in kaum zwei Stunden sei nicht mehr normal, heißt es auf der einen Seite; auf der anderen wird gehalten, bei einem Kurs um 950 Euro sei ein solcher Ausschlag keine Katastrophe und vieles schlicht Panikmache. Die Stimmung ist gereizt und gespalten.

Binnen eines Jahres hat sich der Kurs halbiert

Vor einem Jahr kostete die Aktie noch rund 1.875 Euro, das 52-Wochen-Hoch lag bei gut 1.965 Euro. Nach drei Quartalen summierte sich das Minus seit Jahresbeginn auf fast 40 Prozent. Zuletzt kam hinzu, dass Rheinmetall bei den Milliardenvereinbarungen, die Bundeskanzler Friedrich Merz aus Kiew mitbrachte, nicht zum Zug kam.

Mehrere Anleger halten die Bewertung trotz des Absturzes für zu hoch: Nach dem vervielfachten Kurs der Vorjahre passten die Unternehmensdaten nicht zu dem, was eingepreist worden sei, zudem hänge die Aktie stark an der Weltpolitik. Auch Sorgen um die künftige Rüstungspolitik in Deutschland könnten mitspielen, wird angeführt. Dem steht der Hinweis auf die angespannte Sicherheitslage in Europa gegenüber, die nicht recht zum fallenden Kurs passe. Ob die neuen Kapazitäten in Kassel und Neuss künftig ausgelastet werden könnten, bleibt damit die Kernfrage – unter Anlegern überwiegt derzeit der Zweifel.

Bn-Redaktion/sb
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