Vonovia-Aktien legen am Freitag um 1,2 Prozent auf 17,41 Euro zu. Am Abend entscheidet ein Parteitag der Berliner Linken, ob die Wahlsiegerin Grüne und SPD zu Sondierungsgesprächen einlädt – und damit rückt auch die Forderung nach einer Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände näher an den Verhandlungstisch. Unter Aktionären überwiegt trotz des Kursplus die Vorsicht.
Parteitag stellt Weichen für ein Dreierbündnis
Die Linke war bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus mit 25,7 Prozent klar stärkste Kraft geworden, vor CDU (18,8 Prozent), AfD (16,3 Prozent), Grünen (14,3 Prozent) und SPD (12,1 Prozent). Rechnerisch reicht es nur noch für Dreierbündnisse. Die Parteispitze der Linken wirbt für Sondierungen mit Grünen und SPD, die bei einem positiven Votum bereits in der kommenden Woche beginnen könnten. Koalitionsverhandlungen wären das noch nicht – zunächst würden die Parteien ausloten, ob eine Zusammenarbeit überhaupt tragfähig wäre.
Belastet wird der Prozess von einer bundesweiten Debatte über Antisemitismus in Teilen der Berliner Linken und Kontakte ins Clan-Milieu. Grüne und SPD wollen erst sondieren, wenn die Linke unmissverständlich klarstellt, dass sie für den Schutz jüdischen Lebens eintritt. Als Alternative gilt ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD, das derzeit als unwahrscheinlich eingestuft wird, aber bei einem Scheitern der Gespräche zum Zug kommen könnte.
Für Vonovia-Aktionäre ist vor allem die Frage entscheidend, wie belastbar die bisherige SPD-Position gegen Enteignungen ist. Hier ist der Ton misstrauisch: Anleger halten es für möglich, dass die ablehnende Haltung der SPD-Führung in den eigenen Reihen nicht geschlossen mitgetragen wird. Die Stimmung gegenüber dem Sondierungsprozess ist entsprechend abwartend bis argwöhnisch.
220.000 Wohnungen als zentraler Streitpunkt
Neben der Antisemitismus-Debatte gilt die Vergesellschaftung als größter Knackpunkt. Die Linke will große Wohnungskonzerne gegen Entschädigung enteignen und so rund 220.000 zusätzliche Wohnungen in kommunale Hand bringen, um den Mietenanstieg zu bremsen. Ein Volksentscheid hatte 2021 eine Mehrheit für diesen Weg ergeben. Die Grünen unterstützen das Vorhaben, SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hatte im Wahlkampf dagegen erklärt, mit ihm werde es keine Enteignungen geben.
Hier setzt der Widerspruch von Anlegern an. @Iy93 hält den Ansatz für verfehlt: Statt Bestände zu vergesellschaften, müsse mehr gebaut werden. Auch der erhoffte Effekt auf die Mieten wird angezweifelt – ob die Preise nach einer Übernahme durch das Land tatsächlich sinken würden, gilt unter Aktionären als offen. Hinzu kommt die Sorge, wie lange der Konzern seine Ausschüttung in dieser Unsicherheit noch in gewohnter Form aufrechterhalten könnte.
Das Thema betrifft nicht Vonovia allein. Deutsche Wohnen, deren Berliner Bestand von einer Vergesellschaftung besonders betroffen wäre, gewinnt 0,6 Prozent auf 15,98 Euro, hat im Wochenverlauf aber knapp 2 Prozent eingebüßt. LEG Immobilien steigt um 1,1 Prozent auf 45,74 Euro und liegt auf Wochensicht ebenfalls rund 3 Prozent im Minus. Das Sentiment zum Enteignungsplan bleibt damit sektorweit skeptisch.
Erholung nach wochenlangem Kursdruck
Das heutige Plus kommt nach einer ausgeprägten Schwächephase. Im Wochenverlauf hat die Vonovia-Aktie rund 3 Prozent verloren, binnen zwölf Monaten sogar rund ein Drittel ihres Werts. Mit 17,41 Euro notiert sie nur knapp über ihrem Jahrestief von 17,06 Euro; das Hoch der vergangenen zwölf Monate lag bei 28,89 Euro.
Nutzer @Groot95 sieht mit dem Anstieg den Abwärtstrend seit Ende August charttechnisch durchbrochen und hält eine Rückkehr an die Marke von 18 Euro für denkbar. Wesentlich zurückhaltender fällt der Blick von Nutzer @Abc12345 aus:
Erst wenn die 20 Euro wieder überwunden werden sieht es hier wieder positiver aus. Vorher ist alles erst mal nur technische Gegenbewegung
Nutzer @Hubertus007 rechnet damit, dass die Gewinne rasch wieder abgegeben werden könnten. @Nastra hält es hingegen für übertrieben, bei einem Plus von einem Prozent schon von Gewinnmitnahmen zu sprechen. Die Stimmung zur Kurserholung ist damit gespalten – von Zuversicht auf eine nachhaltige Wende ist wenig zu spüren. Solche Einschätzungen stellen keine Anlageberatung dar.
Zinsumfeld belastet zusätzlich
Neben der Berliner Politik lastet das Zinsumfeld auf dem Sektor. Die Renditen langlaufender Staatsanleihen sind zuletzt kräftig gestiegen, in den USA auf den höchsten Stand seit 2007. Für stark fremdfinanzierte Wohnungskonzerne bedeuten höhere Zinsen teurere Refinanzierung und Druck auf die Immobilienbewertungen. Etwas Entlastung kam am Freitag von leicht sinkenden Ölpreisen, die den Gesamtmarkt stützten.
@TuDios warnt, dass weiter steigende Zinsen einen beginnenden Konjunkturaufschwung abwürgen könnten. @Oskar2020 verweist dagegen auf die jüngst angehobene Wachstumsprognose für Deutschland, die nicht zu einem pauschal düsteren Bild passe. Dem wird entgegengehalten, das Wachstum werde vor allem von staatlichen Investitionen getragen, während private Investitionen weiter zurückgingen. Beim Zinsthema wirken Aktionäre spürbar verunsichert.
Kurzfristig dürfte der Blick auf den Abend gerichtet sein. Stimmt der Parteitag für Sondierungen, könnte die Debatte über die Vergesellschaftung schon in der kommenden Woche konkreter werden. Wie weit die Positionen von Linken, Grünen und SPD in dieser Frage zusammenfinden könnten, ist offen – und damit auch, wie stark das politische Risiko die Bewertung der Berliner Wohnungskonzerne weiter prägen würde.